Ein Interview mit Frank Betzelt – der Mann, der Schauspieler zu Stars macht

von Tina Thiele

 

Frank Betzelt ist der Mann hinter den Kulissen. Von 1986 bis 1992 stand er selbst als Schauspieler auf der Bühne. Dann begeisterte ihn zunehmend die Regiearbeit und er begann zu inszenieren. Frank Betzelt besuchte einige Filmcoaching-Workshops in den USA und machte sich schließlich 1997 als Coach selbstständig. Und dies überaus erfolgreich: So sind beispielsweise seine langjährigen Klientinnen Paula Beer, Rosalie Thomass und Anna Schudt aktuell als „Beste Schauspielerinnen“ für die Goldene Kamera nominiert. Zu seinen weiteren Klienten zählen Tom Schilling, August Diehl, Daniel Brühl, Hannah Herzsprung, Bernadette Heerwagen, Anneke Kim Sarnau, Jessica Schwarz, Jonas Dassler, Jannis Niewöhner u. a. Dem Berliner Coach ist es besonders wichtig, mit den Schauspielern zusammen ihre Figuren zu erforschen und weiterzuentwickeln. Sei es für Castings, Rollenvorbereitungen oder in Seminaren. Er begleitet aber auch Regisseure und Produktionsfirmen bei ihrer Arbeit an Film- und Fernsehproduktionen. Aufgrund der wachsenden Nachfrage eröffnete er 2003 ein Studio in Berlin, wo er Kai Ivo Baulitz und Teresa Harder zum Coach ausbildete und nun mit ihnen im Team zusammenarbeitet. Deshalb stellen wir Euch beide auf Seite 73 kurz vor.

Wie bist Du zum Coaching gekommen?

Eigentlich ist das Coaching eher zu mir gekommen: In den 1990er-Jahren habe ich am Theater Regie geführt, und ein Schauspieler sprach mich an, ob ich ihm mit der Vorbereitung eines Drehs helfen könnte. Der Dreh lief sehr gut, und er hat Kollegen von mir erzählt. So ist das über mehrere Jahre immer weiter gewachsen. Mir fiel auf, dass ich beim Coaching das mache, was ich beim Regie führen am liebsten gemacht habe: Mit den Schauspielern die Figuren und Situationen erforschen, mit ihnen ausprobieren und verborgene Qualitäten herauslocken. Ein Regiekonzept in eine ästhetische Form zu bringen, war nie mein Hauptinteresse als Regisseur. Da das aber für den Regieberuf ja recht wesentlich ist und man am Theater mit vielfältigen Widrigkeiten konfrontiert wird, die es beim Coaching nicht gibt, habe ich mich im Jahr 2000 nach sechs Jahren als Schauspieler und acht Jahren Regie entschieden, dem Theater den Rücken zu kehren und nur noch als Coach zu arbeiten.

Wie bist Du zum Coaching gekommen?

Eigentlich ist das Coaching eher zu mir gekommen: In den 1990er-Jahren habe ich am Theater Regie geführt, und ein Schauspieler sprach mich an, ob ich ihm mit der Vorbereitung eines Drehs helfen könnte. Der Dreh lief sehr gut, und er hat Kollegen von mir erzählt. So ist das über mehrere Jahre immer weiter gewachsen. Mir fiel auf, dass ich beim Coaching das mache, was ich beim Regie führen am liebsten gemacht habe: Mit den Schauspielern die Figuren und Situationen erforschen, mit ihnen ausprobieren und verborgene Qualitäten herauslocken. Ein Regiekonzept in eine ästhetische Form zu bringen, war nie mein Hauptinteresse als Regisseur. Da das aber für den Regieberuf ja recht wesentlich ist und man am Theater mit vielfältigen Widrigkeiten konfrontiert wird, die es beim Coaching nicht gibt, habe ich mich im Jahr 2000 nach sechs Jahren als Schauspieler und acht Jahren Regie entschieden, dem Theater den Rücken zu kehren und nur noch als Coach zu arbeiten.

Mit welchen Schauspielmethoden arbeitest Du und warum?

Ich arbeite mit sehr verschiedenen Methoden. Schauspieler ticken ja wahn- sinnig unterschiedlich: Der eine arbeitet von außen nach innen, der andere von innen nach außen, der eine findet den emotionalen Bezug, indem er in die Welt der Figur eintaucht, der andere sucht nach Parallelen in seinem eigenen Leben, und der Nächste kombiniert das alles. Meiner Meinung nach ist keiner dieser Ansätze besser oder schlechter, es ist immer die Frage, was für wen am besten funktioniert. Ich schaue also zunächst mal, was ich einem Schauspieler zusätzlich zu dem, wie er bisher arbeitet, anbieten kann, sodass sich seine Arbeit vertieft, verfeinert und intensiviert.

Stichwort Fortbildung. Wie bildest Du Dich weiter?

In den letzten 20 Jahren habe ich mich in den USA oder auch hier in Deutsch- land viel fortgebildet. Ich bin wahnsinnig neugierig: Wenn ich an einer Methode Qualitäten entdecke, die mein Coaching bereichern können, dann wende ich sehr viel Zeit und Energie auf, sie richtig zu durchdringen und in meine Arbeit zu integrieren. So ist ein großer „Methodenkoffer“ entstanden. Zu dem Koffer gehören Ansätze, die aus dem Persönlichen schöpfen, wie auch die Methoden von Ivana Chubbuck, Sanford Meisner und Lee Strasberg, und solche, die über den Körper und die Imagination einen intuitiven Zugang zur Welt der Figur eröffnen, wie die Tschechov-Methode, Tierarbeit und klassische wie imaginäre Aufstellungen. Letzteres ist auch von Source Tuning inspiriert. Da ist auch noch ein Fragenkatalog zu Figur und Szene in dem Koffer, der auf klassischen Stanislawski-Fragen basiert, erweitert durch Anregungen von Margie Haber, Larry Moss, Uta Hagen, Stella Adler, M. K. Lewis und anderen. Und natürlich die Präsenzarbeit.

Gibt es neben dem Einzelcoaching auch Seminare?

Manche Methoden bieten wir in Seminarform an: Chubbuck, Tschechov, Aufstellungen, Tierarbeit und Präsenz. Gleichzeitig bieten wir auch Seminare an, in denen wir individueller arbeiten und diese Methoden einfließen lassen. Wir tauschen uns im Team sehr intensiv über unsere Arbeitserfahrungen aus und experimentieren miteinander. Jede Methode hat ja Qualitäten und Grenzen – und auch Fallstricke. Es ist erfreulich, dass viele Schauspieler neugierig sind, verschiedene Methoden kennenzulernen. Gleichzeitig erlebe ich manchmal, dass sie sich an Methoden klammern und versuchen, alles ganz genauso zu machen, wie man es ihnen beigebracht hat. Damit verlieren sie ihren Instinkt. Nach einer Phase des Kennenlernens der Methode muss man schauen, was für einen funktioniert und was nicht. Und letztlich rate ich im Umgang mit Methoden: Benutzt sie so viel wie nötig und so wenig wie möglich. Dieses Maß herauszufinden, ist eine eigene Kunst.

Wer ist denn in Eurem Coachingteam für welche Bereiche zuständig?

Im Prinzip machen wir alle drei das Gleiche: Wir bereiten mit Schauspielern Dreharbeiten und Castings vor. Das Team ist entstanden, weil die Nachfrage nach Vorbereitung größer war, als was ich bewältigen konnte. Die Seminare und Trainings sind erst später dazukommen. Und auch dort haben wir keine festgeschriebenen Zuständigkeiten. Wer von uns welche Seminare oder Trainings anbietet, verändert sich im Laufe der Jahre immer wieder.

Du coachst neben Schauspielern auch Regisseure, Drehbuchautoren und Produzenten. Wie funktioniert das in der Praxis?


Das gestaltet sich sehr vielfältig: Bei den Regisseuren beschäftigen wir uns hauptsächlich mit der Schauspielführung. Im Einzelcoaching arbeiten die Regisseure an Szenen aus ihrem nächsten Projekt, und ich gebe ihnen Feed- back und Anregungen. Manchmal geht das auch weit über die Schauspiel- führung hinaus, weil damit eine genauere Beschäftigung mit den Figuren, der Dramaturgie und den Dialogen angestoßen wird. In meinem Seminar „Kommu- nikation zwischen Schauspielern und Regisseuren“ geht es sowohl um die Regiearbeit als auch um die Kommunikation der Schauspieler mit denRegisseuren. Da kann man sich so offen und ehrlich miteinander austauschen, wie das am Set selten der Fall ist. Man hat einen geschützten Raum und nicht den Druck, das Tagespensum bis Drehschluss im Kasten zu haben.

Was sind für Produzenten wichtige Coachingthemen?

Produktionsfirmen fragen mich an, Regisseure und Schauspieler in der Vorbereitung auf die nächste Produktion zu unterstützen. Bei Regisseuren sind das oft Debütfilme. Bei Schauspielern geht es auch um besonders heraus- fordernde Rollen wie historische Persönlichkeiten. Häufig sind es auch Schauspieler, die noch nicht so viel Dreherfahrung haben.

Und Drehbuchautoren?

Drehbuchautoren kommen oft mit dem Wunsch, die Figuren und Beziehungen noch plastischer, tiefer, vielschichtiger oder widersprüchlicher zu gestalten. Dazu sammeln wir dann Ideen oder machen eine Aufstellung. Manchmal geht es den Autoren auch darum, ihre Kreativität wieder freizusetzen, wenn sie sich in einer Krise befinden.

Wie kannst Du von Deinem schauspielerischen Hintergrund profitieren?

Ich kann mir das gar nicht vorstellen, diesen Beruf zu machen, ohne selbst Erfahrung als Schauspieler zu haben. Es ist ja kein Zufall und ist bei fast allen meinen Kollegen im In- und Ausland der Fall. Ich wusste schon vor der Schau- spielschule, dass ich irgendwann mal Regie führen will, aber mit Ausbildung waren es dann doch neun Jahre, die ich als Schauspieler beschäftigt war. Da habe ich viel gelernt. Und von der Regiezeit profitiere ich natürlich auch. Ich kannte den Schauspielberuf schon von zwei Seiten, als ich mit dem Coachen angefangen habe.

Wo liegen bei Schauspielern die meisten Baustellen?

Das Wort „Baustellen“ in Zusammenhang mit Schauspielern würde mir nie in den Kopf kommen, das klingt so reparaturbedürftig, defizitär. Das ist nicht mein Blick auf Schauspieler. Und ich habe auch noch nie darüber nachgedacht, was grundsätzlich die häufigsten schauspielerischen Probleme sind. Wenn ich eine bestimmte Methode anwende, tue ich das nicht, um Probleme zu lösen, sondern weil diese Methode die Arbeit vertieft. Selten bezieht sich das nur auf einen einzigen Bereich. Das ist auch von Person zu Person sehr unterschiedlich. Jeder hat seine Bereiche, wo er noch wachsen kann.

Was kannst Du auch noch von Deinen Teilnehmern lernen?

Die Ideen, die Schauspieler mitbringen oder während unserer Arbeit ent- wickeln, sind immer wieder inspirierend. Jede Begegnung eines Schauspielers mit einer neuen Rolle ist ein Experiment, bei dem ich neue Möglichkeiten entdecke oder Fehler mache, aus denen ich lerne.

Kann Coaching für Teilnehmer auch zur Sucht werden?

Sucht ist ja eine Abhängigkeit, die dem Menschen schadet. Ich muss sagen, da fällt mir jetzt niemand ein. Allerding steuere ich sehr früh dagegen, wenn ich den Eindruck habe, dass Schauspieler unselbstständig werden oder sich von mir bedienen lassen wollen. Und selbst das kommt selten vor.

Anders als in Amerika sprechen Schauspieler hierzulande gar nicht so gerne darüber, dass man zum Coaching geht. Warum ist das so?
In Amerika ist Coaching in den 1930er-Jahren entstanden und spätestens seit den 1970er-Jahren eine völlige Selbstverständlichkeit, auch auf höchstem künstlerischen Niveau. So ist das hier noch nicht. Aber in Deutschland hat sich in den letzten 20 Jahren viel geändert. Neulich erzählte mir eine Schau- spielerin, dass sie früher nur schief angeschaut wurde, wenn sie von Coaching gesprochen hat, während heute unter Schauspielern eher der Tenor herrsche, „Wer keinen Coach hat, ist selbst schuld“. Natürlich ist das in Amerika noch mal anders. Aber die große Mehrheit der Schauspieler, mit denen ich arbeite, spricht darüber und veröffentlicht das auch bei Gelegenheit. Und manche behalten es für sich. Ich finde das völlig in Ordnung, das muss jeder für sich entscheiden.

Von Paula Beer als „Jana Liekam“ in „Bad Banks“1 über Anna Schudt als „Erika Gerlach“ in „Aufbruch in die Freiheit“2 bis hin zu „Fritz Honka“ in „Der Goldene Handschuh“3: Die Abgründe dieser Figuren sind tief und facettenreich. Wie schaffst Du das, besonders bei einem intensiven Arbeitstag?

Es ist natürlich auch für mich eine emotionale Reise, an solchen Rollen zu arbeiten. Ich muss ein Stück weit in diese Welt mit eintauchen, gleichzeitig auch Abstand halten. Das ist ein Balanceakt. Heute gelingt mir das zum Glück besser als früher. Aber ganz klar muss ich mich danach erholen, und ich muss darauf achten, dass ich nicht zu viel arbeite.

Wie ist Dein Verhältnis zu Agenten?

Viele Agenten schicken mir Schauspieler, mit manchen tausche ich mich auch über diese Schauspieler aus. Eine Vorreiterin war da Andrea Lambsdorff. Sie kannte den Beruf des Coaches aus New York und fing schon in den 1990er- Jahren an, mir viele ihrer Schauspieler zu schicken. Und das war für die Zeit nicht selbstverständlich. Bis heute pflegen wir einen intensiven Austausch.

Was ist das Beste an Deiner Arbeit als Coach?

Besonders macht es mich sehr glücklich, Menschen dabei zu begleiten, wie sie ihr schauspielerisches und persönliches Potenzial entfalten und zum Blühen bringen. Damit meine ich zum einen die langfristige Entwicklung, die Schau- spieler machen, mit denen ich über viele Jahre arbeite. Zum anderen aber auch bei jeder Figur und jeder Szene, an der wir arbeiten, mitzuerleben, wie aus Zeilen auf dem Papier Menschen entstehen, die vielfältig sind, Abgründe haben, unberechenbar, faszinierend und schillernd sind – eben wahrhaftige Menschen. Das hat schon oft wirklich etwas Magisches, auch wenn dieser Begriff vielleicht ein bisschen pathetisch klingt.

Abschließend: Dein goldener Tipp für Schauspieler?

Immer neugierig bleiben, sich die Liebe zum Beruf, zu jeder Figur und zu jedem Detail bewahren. Und Mut zum Risiko!

 

 

 

 

Teresa Harder

Teresa Harder begann 2003 neben ihrer Schauspiel- und Gesangstätigkeit als Coach für Schauspieler und Sänger zu arbeiten und schloss sich 2007 dem Coachingteam an. Aufgrund ihrer umfangreichen Dreherfahrung bildet das Kameratraining neben der Dreh- und Castingvor- bereitung einen Schwerpunkt ihrer Arbeit.

Frank Betzelt hat Euch beide „ausgebildet“.

Ich war schon lange mit Freunden und Kollegen in einer regelmäßigen Kameragruppe aktiv. Von daher gab es schon seit langer Zeit die Faszination als Schauspielerin an der Ergründung einer Figur und die Übertragung auf die Arbeit mit der Kamera. In meiner Lehrzeit an der Hochschule wurde eher das theatrale Spiel vermittelt. Das erste Coachingteam in Berlin war das von Frank. Ich fand das Konzept großartig. Daher wollte ich auch noch viel tiefer forschen, und so kam es, dass ich die Ausbildung begann.

Was macht Euer Team heute aus …

Unser Team wird durch uns drei und unsere unter- schiedlichen Persönlichkeiten geprägt, und doch gibt es einen gemeinsamen Ansatz: Wir lieben diese Arbeit. Da Kai und ich nach wie vor viel drehen, bringen wir einen Schatz konkreter Erfahrung vom Set mit. Frank ist immer dabei, sich weiter auszubilden. Das heißt, wir sind in lebendigen Prozessen, die unseren Coachings eine kraftvolle Dynamik geben.

Coaching bedeutet für Euch …

Die kreative Freiheit wecken. Die Kraft der Präsenz und der Lebendigkeit vermitteln.

 

 

Kai Ivo Baulitz

Der Schauspieler und Autor Kai Ivo Baulitz gehört seit 2005 zum Coachingteam. Er arbeitet mit Schauspielern in der Dreh- und Castingvorbereitung und im Kamera- training sowie mit Autoren und Regisseuren. Außerdem lehrt er als Gastdozent u. a. an der Filmakademie Lud- wigsburg, der Filmuniversität Potsdam, der Hamburg Media School und der Akademie für Darstellende Kunst Baden-Württemberg.

Wie kam es zur Zusammenarbeit?

Ein guter Freund und Kollege hat mich Anfang der 2000er-Jahre auf die Arbeit von Frank aufmerksam gemacht. Ich hatte meine Schauspielausbildung absol- viert, Theater gespielt, einige Jahre gedreht und trotzdem das heimliche Gefühl, dass es vielleicht noch ein paar Sachen zu entdecken gäbe. Ich habe dann ein paar Castings und Drehs mit Frank vorbereitet, an einem seiner Seminare in Berlin teilgenommen und war von seiner Arbeit begeistert. 2004 fragte er, ob ich Lust hätte, mit ihm in seinem Team zu arbeiten.

… als Einzelner und eben als Firma?

Wir sind sehr unterschiedliche Persönlichkeiten, und in der Mischung halten wir uns im Team sehr gut in Bewegung. Und dann arbeiten wir mit Schauspielern und Regisseuren, die uns herausfordern und inspirieren, weil sie einfach extrem gut sind. Mir ist wichtig, dass wir nicht auf eine Methode festgelegt sind. Teresa und ich stehen ja selbst ständig vor der Kamera und das gibt uns einen ganz praktischen Blick.

Ich liebe die Arbeit, aber das Wort bereitet mir Zahn- schmerzen. Ich bereite mit Kollegen ihre Arbeit vor.